Am Mittwochabend dringt Musik aus dem Gemeinschaftsraum. Erst leise, dann rhythmisch, dann einladend. Ein paar Menschen stehen bereits auf der Tanzfläche, andere beobachten noch zögernd vom Rand. Es wird gelacht, jemand zählt Schritte mit – und dann beginnt sich der Raum langsam zu füllen.
Mittendrin steht Andrew Suda. Der 67-jährige BBZ-Bewohner lebt seit zehn Jahren in der Stammsiedlung, doch seine Leidenschaft für das Tanzen begleitet ihn schon seit mehr als drei Jahrzehnten. Für ihn ist Tanzen weit mehr als Bewegung zur Musik. Es ist Begegnung.
«Früher war Tanzen ein wichtiger Teil des sozialen Lebens«, weiss er. «Heute schauen viele nur noch auf ihr Smartphone. Menschen kommen weniger miteinander ins Gespräch.» Genau dagegen möchte er etwas tun. Die offenen Tanzabende in der Siedlung sind sein persönlicher Beitrag, um Menschen wieder zusammenzubringen.
Auch Siedlungscoach Sandra Hollenstein war beim Tanzabend dabei – und hat selbst das Tanzbein geschwungen. Für sie sind Momente wie diese sehr wichtig für das Leben in einer Genossenschaft. «Solche Begegnungen sind unglaublich wertvoll», sagt sie. «Hier kommen Menschen zusammen, die sich im Alltag vielleicht nur kurz im Treppenhaus sehen würden.»

Tanzen für alle
Jeden Mittwoch verwandelt sich der BBZ-Gemeinschaftsraum in eine kleine Tanzwelt. Anfänger*innen und Fortgeschrittene, Bewohner*innen der Siedlung und Gäste von ausserhalb – alle sind willkommen. «Beim Social Dancing tanzen alle mit allen», erklärt Andrew. «Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, miteinander zu tanzen.»
Die ersten Schritte beginnen meist etwas vorsichtig. Von 17.15 bis 18.15 Uhr nimmt sich Andrew Zeit für diejenigen, die neu sind oder Unterstützung brauchen. Gerade schüchterne Gäste möchte er ermutigen, früher zu kommen. «Ich weiss selbst, wie schwierig es ist, bei null anzufangen“, sagt er. «Ich bin durch alle Phasen gegangen.»
Sandra beobachtet dabei immer wieder, wie schnell sich die Stimmung verändert. «Man merkt schnell, wie die Hemmungen verschwinden», erzählt sie. «Am Anfang schauen manche noch vorsichtig zu – und kurze Zeit später stehen sie selbst auf der Tanzfläche.»
Spätestens sobald die Musik richtig einsetzt, löst sich die Zurückhaltung. Andrew greift auf eine beeindruckende Sammlung zurück: Über 256 Gigabyte Musik hat er auf seinem Laptop gespeichert. Rumba, Walzer, Bachata oder lateinamerikanische Rhythmen – je nachdem, wer gerade auf der Tanzfläche steht und worauf man Lust hat.
Die Musik bestimmt den Abend und die Tanzenden folgen ihrem Gefühl. Sprachen spielen dabei kaum eine Rolle. «Wir sprechen mehrere Sprachen», sagt Andrew mit einem Lächeln, aber eigentlich folgen wir einfach unseren Musik- und Tanzherzen.»
Für Sandra zeigt sich hier, was gemeinschaftliches Wohnen ausmacht: «Wenn Bewohner*innen selbst Ideen einbringen und solche Angebote entstehen, wird eine Siedlung lebendig. Genau solche Initiativen stärken das Miteinander.»
Begegnungen statt Perfektion
Gerade diese Offenheit macht den besonderen Charakter der Abende aus. Einige Teilnehmende wohnen in der Siedlung, andere bringen Freund*innen mit oder kommen von ausserhalb. Neue Gesichter sind jederzeit willkommen. Und oft bleibt es nicht bei einem Tanz: Gespräche entstehen, Menschen lernen sich kennen, Kontakte wachsen.
Für Andrew ist genau das der Kern seiner Idee. «Social Dance ist Interaktion», findet er. «Nicht getrennt, sondern gemeinsam.»
Dass Tanzen auch generationenübergreifend verbindet, zeigt sich immer wieder auf der Tanzfläche. Andrew hat in seinem Leben bereits mit nationalen und internationalen Tänzer*innen getanzt, sogar Weltmeister*innen getroffen. Doch die schönsten Momente erlebt er hier – wenn jemand zum ersten Mal lächelnd die Tanzfläche verlässt, weil ein Schritt plötzlich funktioniert hat.

Ein kleiner Ausblick: Auch am Gnossifest der BBZ diesen Sommer wird die Tanzbegeisterung sichtbar werden. Denn dort bringt Andrew gemeinsam mit Gast-Coach Daniela Line Dance in die Siedlung. Es wird bereits jetzt schon fleissig geprobt.
Für Andrew ist das alles mehr als ein Hobby. Es ist ein Schritt, um der zunehmenden Distanz im Alltag etwas entgegenzusetzen. «Tanzen bringt Menschen zusammen», sagt er. «Man bewegt sich gemeinsam, man lacht, man begegnet sich.»
Auch Sandra nutzt solche Abende bewusst, um mit Bewohner*innen ins Gespräch zu kommen: «Solche Anlässe schaffen einen ganz anderen Rahmen für Austausch. Man begegnet sich unkompliziert, kommt ins Gespräch und lernt sich besser kennen.»
Und manchmal beginnt genau dort Gemeinschaft und ein neues Miteinander – mitten zwischen zwei Takten Musik.
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Open Social Dance – Offener Tanzabend
Immer Mittwochs
17.15 – 18.15 Uhr: für Anfänger*innen mit Anleitung
18.00 – 20.00 Uhr: für Fortgeschrittene mit Tipps
Kommen Sie einfach vorbei, eine Anmeldung ist nicht nötig.